Rani

October 16, 2015  •  Kommentar schreiben

Genau heute vor vier Wochen, ziemlich genau um 2 Uhr nachts auf einem Spielplatz mitten in Berlin schnappt die Falle zu.
Wir wollten eigentlich schon aufgeben und wieder zusammenpacken, es war stürmisch und regnerisch, Wetter bei dem sich kleine wilde Katzen eigentlich viel lieber im Gebüsch verkriechen, anstatt rauszukommen und sich ihr Futter von uns abzuholen. Die Fangaktionen der vergangenen zwei Nächte hatten die Kleinen sowieso verschreckt und wir hatten nicht wirklich Hoffnung, noch einmal Erfolg zu haben. 

Gut einen Monat davor hatten wir die Kleinen zum ersten Mal gesehen. Zwei kleine Babykatzen die sich auf der Suche nach Futter durch die Müllkontainer Berlins wühlen. Nachdem sie uns gesehen hatten, rannten sie -quer über die Strasse- zurück zu dem Spielplatz, in dessen Nähe wir sie bald noch öfter sehen würden. Sofort stand unser Entschluss fest, den Kleinen etwas zu Essen zu bringen. Doch so lange es hell ist, ist der Spielplatz gut besucht und wir wollten nicht riskieren, dass Kinder oder Eltern unser Fressen finden und entfernen, also kamen wir abends wieder. Aus der Ferne glitzerten uns ein paar Augenpaare entgegen, die sofort in den Schutz der Dunkelheit flüchteten, sobald wir den Spielplatz betraten. Ein Pappteller mit Katzenfutter und eine Tupperbox mit Wasser sind das einzige, was wir in dieser ersten Nacht für die Kleinen tun konnten. 
Am nächsten Tag war das Fressen weg, sogar der Pappteller war angenagt, die armen Dinger waren komplett ausgehungert. Wir stellten einen neuen Teller raus und machten uns Gedanken. Der Sommer geht zu Ende und die Katzen sind noch so winzig, wahrscheinlich gerade von der Mutter abgesetzt, natürlich ist es auf dem Spielplatz, auf dem sie hausen ruhig, aber sie müssen über die Strasse um in die Müllkontainer zu kommen und eine wirklich große, vierspurige Strasse ist auch kaum fünfzig Meter entfernt. Am nächsten Morgen riefen wir beim Tierheim an, um zu fragen,was man für die Kleinen tun könnte. "Sie fangen", war die Antwort, "erst anfüttern, dann fangen". 
Also fütterten wir weiter, blieben auch länger neben den Papptellern sitzen, es raschelte im Gebüsch, manchmal sahen wir funkelnde Augen, aber es dauerte fast zwei Wochen, bevor sich die Kleinen in unserer Anwesenheit heraustrauten. Und wir hatten uns geirrt, Es waren nicht zwei Katzen, sondern fünf. Vier kleine Tigerkatzen, alle ungefähr gleich groß, ein Wurf also, außerdem noch eine etwas größerer, aber dennoch nicht ausgewachsene Katze, wahrscheinlich vom Wurf davor. 
Es dauert nicht lange, bis wir die Kleinen anhand ihrers Verhaltens unterscheiden können. "Fetti" war die erste, die aus dem Gebüsch geschossen kam, sobald wir unseren Pappteller aufgestellt hatten. Fetti ist ein kleines Stückchen größer als die anderen aus dem Wurf, und besser genährt, wahrscheinlich weil sie es niemals hinterfragt, wenn jemand ihr Fressen hinstellt, ihr war immer vollkommen egal, ob da jemand sitzt oder nicht. Fetti schleckt sogar den Teller sauber, wenn sie fertig ist. Die zweite Katze nannten wir erstmal "Neugierig", sie kam zusammen mit Fetti, fraß meistens aber nur kurz und hockte sich dann ein paar Meter von uns hin, um uns zu beobachten. Neugierig war die erste Katze, die fast auf Armeslänge an uns herankam, um vorsichtig an uns zu schnuppern, wie alle anderen Katzen war sie aber schreckhaft und flüchtete sofort ins Gebüsch, sobald wir auch nur mit dem Finger zuckten. Die letzten beiden Wurfgeschwister nannten wir nur "Drei" und "Vier", sie waren die Schüchternsten und Kleinsten und fanden nur selten neben Fetti und Neugierig Platz am Teller. Deshalb fingen wir bald damit an, eine zweite Ladung Katzenfutter auszuteilen, damit die zwei armen Dinger auch noch was abbekamen ( manchmal hat Fetti allerdings auch die zweite Portion verputzt). 
Die fünfte, etwas größere Katze nannten wir "Blacky", auch ein Tiger, aber mit größern schwarzen Flecken und einem dicken schwarzen Strich auf dem Rücken
Schon bald waren die Kleinen so sehr an uns gewöhnt, dass sie schon abends auf dem Spielplatz auf uns warteten und wir sahen sie immer seltener tagsüber zu den Mülltonnen huschen. Es war eher im Spaß als ich zu meinem Freund sagte "Eine von denen könnte deine Katze sein" Wir lachten beide und trotzdem nistete sich der Gedanke in unseren Köpfen ein. 
Eine Woche bevor wir zurück nach Frankfurt zogen, bekamen wir vom Tierheim eine Falle geliefert. Eine längliche Gitterbox mit beweglichen Mettalplatten an beiden Enden um die Falle zu verschließen. Da wir mehr als eine Katze fangen wollten, kam die automatische Auslösung nicht in Frage, wir mussten es also auf die Klassische Weise versuchen: Mit einem Faden wurde eine Metallplatte nach oben gezogen, und sobald die Katzen drinne waren, würden wir loslassen. 
Ein paar Nächte fütterten wir die Katzen in der Falle ohne die Metallplatte einzuspannen, die Kleinen sollten sich erstmal an die neue Situation gewöhnen, ohne das etwas passieren würde. Wir waren beide überrascht, keine der Katzen hatte irgendwelche Bedenken, in die Falle zu tappen. Drei Nächte bevor es zurückging, machten wir den ersten Fangversuch, und mittlerweile war uns beiden klar - eine von den Kleinen würde unsere Katze sein. 
In dieser ersten Fangnacht kamen fast alle vier Katzen gleichzeitig aus dem Gebüsch, Fetti stürmte wie erwartet zum Fressen, Neugierig setzte einen Fuß in die Falle, entdeckte dann die Metalplatte, die zum erstem mal über dem Eingang eingespannt war, schnupperte kurz daran, drehte sich auf dem Absatz um und flüchtete ins Gebüsch- wie unglaublich schlau sie doch war! Für uns beide war es jedoch ein herber Rückschlag, Neugierig war unser Favorit gewesen, wir hätten sie so gerne mitgenommen, da sie bisher das meiste Interesse gezeigt hatte. Drei und Vier waren so erstaunt darüber, dass der Platz neben Fetti noch frei war, dass sie ersteinmal gar nicht reagierten. Eine von ihnen flitzte dann doch in die Falle, während die andere sie von hinten sehnsüchtig beobachtete. Das war der Moment. Ich ließ den Faden los und die Falle schnappte zu. Erstmal großes Chaos. Die zwei Katzen rotierten in ihrem kleinen Käfig und die dritte Katze stürmte erschrocken ins Gebüsch. Schnell warfen wir unser Handtuch über die Falle und transportierten sie in unsere Wohnung, sobald sie sich beruhigt hatten. Am nächsten Morgen wurden die Beiden von zwei Tierheimmitarbeitern abgeholt. Wir bekamen zwei Indentifikationsnummern, damit wir ihren weiteren Weg in Erfahrung bringen konnten- heute wissen wir, dass die beiden gesund und munter waren, schnell gezähmt werden konnten und mittlerweile gemeinsam vermittelt wurden. 
In der nächsten Nacht war von unseren beiden übrigen Wurfgeschwistern nichts zu sehen. Kein Wunder, wir hatten ihr Vertrauen aufs Übelste missbraucht, wahrscheinlich würden wir sie nie wieder sehen. Wir waren niedergeschlagen. Auf der Strassenseite gegenüber sahen wir allerdings Blacky um die Mülleimer huschen und es gelang meinem Freund, sie auf den Spielplatz zu treiben und zu fangen.
In der letzten Nacht bevor es für uns zurückging saßen wir stundenlang auf dem Spielplatz. Jedes mal wenn es im Gebüsch raschelte lauschten wir auf, jedes mal war es nur der Wind, der uns in die Irre geführt hatte. Es nieselte. Wir brachen ab und zogen uns in die Wohnung zurück. Die Koffer waren schon gepackt und daneben stand eine lehre Katzentransportbox, die wir schon vorsorglich für "unser" Kätzchen gekauft hatten. Unser Kätzchen, was immer noch da draußen auf dem kalten, nassen Spielplatz saß. Schlafen konnten wir ohnehin nicht, also entschlossen wir uns um halb zwei einen allerletzten Versuch zu starten.
Ich saß bei der Falle und hielt die Augen offen, während mein Freund sich bei den Mülltonnen umsah, wo wir auch Blacky in der Nacht zuvor gefunden hatten. Nach einer halben Stunde kam er kopfschüttelnd zurück auf den Spielplatz. "Lass uns abbrechen, es bringt nichts mehr, wir haben getan was wir konnten", entschlossen wir und es war dieser Moment, als ich aus dem Augenwinkel einen Schatten in der Falle sah. Schon in dem Moment als meine Hand zuckte und ich den Faden losließ, schoss die kleine Katze in der Box herum, aber die Metallplatte war da, bevor sie flüchten konnte. Von all den Katzen, die wir bisher gefangen hatten, war diese diejenige, die am lautesten schrie und am meisten in der Falle randalierte! Die Blicke, die man von den Leuten in den Bars bekommt, wenn man mitten in der Nacht zu Zweit einen einmeterlange, abgedeckte, schreinende und wackelnde Kiste an ihnen vorbeiträgt, sind unbezahlbar. Als sie sich in der Wohnung wieder beruhigt hatte, riskierten wir einen Blick. Wachsam leuchtende Augen, ein langes Schwänzchen, dass sie im Hocken bis um ihre Vorderbeine geschlungen hatte und eine kräftigere Statur als Drei und Vier. Wir hatten Neugierig gefangen.

Unsere Katze schmollt vor der Abreise. Und ja, ihr Bein hängt im Wassernapf.
Unsre Katze schmollt. Und ja, ihr Bein hat sie in den Wassernapf gehängt.


Wir waren so stolz auf unsere Katze. Den Umzug hatte sie mit Bravour gemeistert, wir hatten damit gerechnet, dass sie die ganze Zeit im Auto schreien würde, aber eigentlich hat sie nur ein bisschen geguckt und dann den Hauptteil der Reise geschlafen. Die erste Woche verbrachte die Kleine in einer Pflegefamilie, allerdings merkten wir recht schnell, dass sie uns verachtete. Während sie im Beisein der Pflegefrau herauskam und sich, wenn auch etwas skeptisch, sogar schon berühren ließ, versteckte sie sich sofort hinter der Heizung, sobald wir den Raum betraten, um sie für ihren ersten Tierarztbesuch abzuholen. "Vorsicht, die Katze ist wild", warnten wir beim Tierarzt dann. "Die Süße? Die sieht doch ganz freundlich aus", meinte die Tierärztin und zog dann-zum Glück- doch Handschuhe an. Kaum hatte sie sie in die Hände bekommen, kämpfte unsere kleine Katze, fauchte, kratzte und verbiss sich so sehr in den Handschuh, bis ihre kleinen Zähnchen bluteten. In solchen Momenten bekommt man wirklich Zweifel, ob man dem Tier etwas Gutes tut, ob sie auf dem Spielplatz nicht besser aufgehoben wäre. Ob sie überhaupt zahm werden konnte. An Impfen war an diesem Tag nicht zu denken, immerhin wussten wir nun, dass Neugierig ein Mädchen war. Die Namenssuche konnte beginnen. Es sollte etwas sein, was zu ihr passte. Nach ihrem Auftritt beim Tierarzt lag "Schredderike" ganz weit vorne im Rennen. 
Eine Woche später holten wir die kleine Katze zu uns, die Pflegefrau hatte leider eine Allergie bekommen. Meine Eltern waren im Urlaub und in unserem großen Bad hatten wir damals auch meinen Kater eingewöhnt. 
"Sie braucht einfach nur Zeit, sie wird schon kommen, wenn sie bereit ist", redeten wir uns ein. Eine Woche lang fauchte sie uns nur an, sobald wir den Raum betraten und flüchtete sofort auf die Fensterbank. So konnte es nicht weitergehen. Meine erste Katze war auch ein Wildfang gewesen, hat sich in der Anfangszeit auch verkrochen, aber sie war viel schneller zutraulich geworden, sie war allerdings auch jünger damals gewesen, unsere Katze war ca. 5-6 Monate alt, laut Tierarzt. Was also wenn es schon zu spät war, so wie bei Blacky. Blacky konnte leider nicht mehr gezähmt werden, sie wurde kastriert und wieder auf den Spielplatz  ausgesetzt, wo Helfer des Tierheims immernoch ein Auge auf sie haben, genaus so wie auf Nummer Vier, die wir leider nicht mehr fangen konnten, die mittlerweile aber auch besser genährt ist, da sie nun weniger Fresskonkurrentz hat und von den Helfern immer noch gefüttert wird. 

Wir schlugen also einen etwas härteren Kurs ein. Fressen gibt es nur noch, solange wir im Raum sind. Unsere Katze schmollte. Stundenlang saß ich neben der Fensterbank und hielt ihr das Futter hin. Als sie sich endlich entschloss zu fressen, war es nur noch ein kleiner Schritt, ihr das Futter aus der Hand anzubieten. 



Vor circa eineinhalb Wochen war es dann soweit. Unsere Katze war "bereit" und ließ es mich wissen: Sie schrie wie am Spieß. Ich dachte, sie hätte sich verletzt und stürmte ins Bad, aber da saß sie nur und glitzerte mich neugierig von hinter der Gardine an. Sie langweilte sich. Ich holte ihr Spielzeug, setzte mich auf den Boden und wedelte damit herum. Sie blieb skeptisch, aber ihre Augen verfolgten neugierig die Bewegung des Spielzeugs. Nach einer paar Minuten fasste sie sich ein Herz und kletterte von der Fensterbank auf die Heizung, hüpfte wenig später auf den Boden und nachdem sie die Wedelei noch etwas beobachtet hatte, näherte sie sich vorsichtg. Mit dem Spielzeug führte ich sie immer näher an mich heran und zu meine Hand, damit sie an mir schnuppern konnte. Beim Spielen begann sie zu schnurren und bevor ich mich stoppen konnte griff ich nach ihr und kraulte sie am Rücken. Sie wich entsetzt zurück, überlegte es sich dann anders und warf sich vor mir auf den Boden um sich am Bauch kraulen zu lassen. 
Das ganze ist nun knapp 10 Tage her. Mittlerweile begrüßt sie uns, sobald wir zu ihr kommen, läuft uns durchs halbe Haus hinterher ( mein dicker Kater schläft bis abends im Keller, dann können wir die Kleine zum Glück rauslassen, denn verstehen tun sich die beiden leider ganz und gar nicht, mein Kater ist total dominant und duldet keine anderen Katzen neben sich). Sie beginnt schon auf ihren Namen zu hören- Rani, das heißt Königin/Prinzessin, denn von nun an soll sie wie eine solche leben. Sie hat mittlerweile einen tollen Kratzbaum, auf dem sie schläft und spielt und dessen Bedeutung sie sofort verstanden hat, genau wie die Katzentoilette. Sie spielt den halben Tag, und wenn sie müde ist, sucht sie unsere Nähe.  Und während ich das hier schreibe, liegt sie auf meinem Schoss und schnurrt. Wenn wir uns heute fragen, ob wir ihr damit etwas Gutes getan haben, sie von Spielplatz wegzubringen, von den Mülltonnen und der Strasse, dann können wir das aus vollem Herzen bejahen. 

 


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